{"id":70,"date":"2018-01-01T17:45:40","date_gmt":"2018-01-01T16:45:40","guid":{"rendered":"http:\/\/bitumen1.de\/jsch\/?page_id=70"},"modified":"2019-09-08T21:07:27","modified_gmt":"2019-09-08T19:07:27","slug":"theater","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/xn--jensschfer-w5a.com\/?page_id=70","title":{"rendered":"Theater"},"content":{"rendered":"<p><strong>2019<\/strong><\/p>\n<p><strong>Henslowe in der Wiederaufnahme der deutschprachigen Erstauff\u00fchrung von &#8222;Shakespeare in Love&#8220; von Marc Norman, Tom Stoppard\/ <em>Bad Hersfelder Festspiele<\/em>. Regie: Antoine Uitdehaag<\/strong><\/p>\n<p><strong>Salam in \u201eAleppo. A Portrait of Absence.\u201c von Mohammad Al Attar\/ <em>Festival Theaterformen, Staatsschauspiel Hannover<\/em><\/strong><strong><em>. <\/em><\/strong><strong>Regie: Mohammad Al Attar, Omar Abusaada<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong><strong>2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>Henslowe in der deutschprachigen Erstauff\u00fchrung von &#8222;Shakespeare in Love&#8220; von Marc Norman, Tom Stoppard\/ Bad Hersfelder Festspiele. Regie: Antoine Uitdehaag<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong><strong>Denis in \u201e2 Uhr 14\u201c von David Paquet<\/strong>\/<strong><em>Deutsches Theater Berlin- <\/em>seit 2016\/<\/strong><\/p>\n<p><strong>Regie: Kristo Sagor <\/strong>(Platz 2 \u201e<em>Lieblingsinszenierungen der ZITTY-Theaterkritiker<\/em>\u201c <em>2016)<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><strong>2017<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong><strong>Salam in \u201eAleppo. A Portrait of Absence.\u201c von Mohammad Al Attar\/<\/strong><strong><em>Haus der Kulturen der Welt\/ <\/em><\/strong><strong>Regie: Mohammad Al Attar, Omar Abusaada<\/strong><\/p>\n<p><strong>Von 1987 bis 1990<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Schauspielstudium an der <em>Hochschule f\u00fcr Musik und<\/em> <em>darstellende Kunst in Frankfurt am Main<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong><strong>1990<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong><strong>Deb\u00fct als Oswald (Haushofmeister) in Robert Wilsons \u201eK\u00f6nig Lear\u201c (Shakespeare)- Inszenierung am <em>Schauspiel Frankfurt<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong>Mit u.a. Marianne Hoppe als Lear, Christoph Waltz als Edgar und Thomas Thieme als Kent.<\/p>\n<p><em>Peter Iden, der Leiter der Schauspielabteilung an der Frankfurter Hochschule, teilt den Studenten mit, dass Robert Wilson am Schauspiel Frankfurt \u201eK\u00f6nig Lear\u201c inszenieren wird und ein oder zwei Rollen mit jungen Schauspielern besetzen m\u00f6chte. Alle Studenten aus den h\u00f6heren Semestern gehen zum Vorsprechen. In der riesigen Halle herrscht gespannte Stille, der gro\u00dfe Texaner in seinem l\u00e4ssigen schwarzen Anzug ist umgeben von einer Schar Assistentinnen. Er beherrscht den Raum vollkommen. Keiner traut sich, auch nur einen Mucks zu machen. Wir Studenten sind allesamt zur selben Zeit erschienen. Wilson tanzt und spielt in der gro\u00dfen Probendekoration etwas Merkw\u00fcrdiges vor, er endet mit einem Schrei auf einem Stuhl stehend. Er fordert uns nacheinander auf, das Vorgespielte genauso nach zu spielen. Mir gef\u00e4llt, was er macht, ich meine, dieses scheinbar skurrile Spiel instinktiv zu verstehen. Als ich an die Reihe komme, versuche ich erst gar nicht, mich genau an die Choreographie zu halten, ich konzentriere mich einfach darauf, die Substanz, die ich hinter seinem Spiel wahrgenommen habe, zu meiner eigenen zu machen, ende aber wie er schreiend auf dem Stuhl. Dann sollen wir Texte aus \u201eK\u00f6nig Lear\u201c vorlesen. Die Dramaturgin Ellen Hammer lauscht mit strenger Miene unseren Anstrengungen. Als ich lese, klopft mir zwar das Herz bis zum Hals, aber ich f\u00fchle mich wohl mit diesem gro\u00dfen Text. Ein paar Tage sp\u00e4ter erreicht mich der Anruf des Frankfurter Schauspiels, der Dramaturg, Gerhard Ahrens, teilt mir mit, dass Wilson mich als Haushofmeister (Oswald) besetzen m\u00f6chte und fragt, wann ich zur Vertragsverhandlung kommen k\u00f6nne? Gro\u00dfartig. Es wird der Anfang meines Berufs werden. Fortan ist das Studentenleben pass\u00e9.<\/em><\/p>\n<p><strong>1990 bis 1992<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong><strong>Im Ensemble des <em>Schauspiel Graz<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Der Frankfurter Dramaturg Marc G\u00fcnther wird zum Schauspiel- Direktor an den Vereinigten B\u00fchnen Graz berufen. Da ich ohnehin gerade, wie er, am Schauspiel Frankfurt arbeite, rufe ich ihn einfach an. Er l\u00e4dt mich zum Vorsprechen ein. Ihm gef\u00e4llt, was ich mache. Als er sein Leitungsteam komplett hat, muss ich noch einmal vorsprechen. Danach steht fest, ich werde nach Graz ans Theater gehen.<\/em><\/p>\n<p>Zahlreiche Rollen in dieser Zeit. <strong>Unter anderem:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Der Kauernde<\/strong> <strong>in der Botho Strau\u00df- Urauff\u00fchrung \u201eAngelas Kleider\u201c , Regie: Leander Hau\u00dfmann<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein neuer Stern ist am Theaterhimmel aufgegangen: Leander Hau\u00dfmann. In der Endphase meines Studiums habe ich von seinen \u201egro\u00dfartigen Inszenierungen\u201c in Weimar geh\u00f6rt. Das Schauspiel Graz ist in Aufruhr, man hat dem Burgtheater und Claus Peymann die Urauff\u00fchrung von \u201eAngelas Kleider\u201c von Botho Strau\u00df vor der Nase weg geschnappt. Strau\u00df hat sich gegen Peymann und f\u00fcr Hau\u00dfmann entschieden. Ich lese auf dem Besetzungszettel, dass ich in diesem St\u00fcck \u201eDer Kauernde\u201c sein soll. Ein Rollenname, der mich zun\u00e4chst einmal nicht weiter abschreckt. Hau\u00dfmann f\u00e4hrt alles auf, was der Theaterapparat hergibt. Wir proben stundenlang auf der fahrenden Drehb\u00fchne, turnen in K\u00e4figen, schmieren uns Quark ins Gesicht&#8230;Es entsteht schlie\u00dflich ein verr\u00fccktes Kaleidoskop mit diesem verr\u00fcckten St\u00fcck. Aber die Kritiken nach unserer Premiere sind vernichtend. Und Botho Strau\u00df zieht sein St\u00fcck einfach zur\u00fcck. Es wird nie wieder irgendwo anders gespielt werden. Schade.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><strong>Kerch in \u201eUntertier\u201c von Thomas Strittmatter, Regie: Carl Hermann Risse<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein eher spr\u00f6der Theatertext. Aber es ist eine Urauff\u00fchrung und bringt uns dementsprechend einen sch\u00f6nen Verriss in <strong>Theater Heute<\/strong> ein (samt Nacktfotos dreier duschender Polizisten, einer davon, ich). Strittmatter, den ich bei der Premiere kennen lerne, ist ein unglaublich sympathischer, feinsinniger Mensch. Als ich 1995 erfahre, dass er an einem Herzinfarkt verstorben ist , bin ich geschockt und traurig. Aber in Graz ist \u201eUntertier\u201c seinerzeit eine Art Durchbruch\u00a0 f\u00fcr mich. Charly Risse, \u201eDDR-Regisseur\u201c aus Ost-Berlin, hat mich liebevoll zu einem gestischen Spiel gef\u00fchrt, das diesem Text und Abend angemessen ist. Danach brauche ich keine Angst mehr zu haben, am Grazer Theater \u00fcber die Klinge zu springen, wie andere junge Schauspieler. Ich bin Charly wirklich dankbar.<\/em><\/p>\n<p><strong>Wurm in \u201eKabale und Liebe\u201c von Schiller, Regie: Marc G\u00fcnther<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong><em>Ich soll Wurm spielen in \u201eKabale und Liebe.\u201c Eine gro\u00dfartige Aufgabe. Marc G\u00fcnther m\u00f6chte, dass diese Figur dem Ferdinand ein ebenb\u00fcrtiger Widersacher wird. Wurm agiert als ein verzweifelt Liebender&#8230;. auf beinahe leerer, schwarzer B\u00fchne. Eine meiner sch\u00f6nsten Arbeiten in Graz.<\/em><\/p>\n<p><strong>Kharkhan<\/strong> <strong>in \u201eDer Traum ein Leben\u201c von Grillparzer, Regie: Martin Kusej<\/strong><\/p>\n<p><em>Nach der in vielerlei Hinsicht pr\u00e4genden Arbeit mit Robert Wilson, lerne ich den jungen Martin Kusej kennen. Ich sp\u00fcre sofort, dass sein \u201eTheatergeist\u201c von der selben Gr\u00f6\u00dfe ist und auf seine Art so konsequent wie der von Wilson, den ich in \u201eK\u00f6nig Lear\u201c erleben durfte. Der Abend wird aufregend, radikal, atemberaubend. Und er wird der sichtbare Anfangspunkt von Martins gro\u00dfer Karriere.<\/em><\/p>\n<p><strong>1992 bis 1993<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Im Ensemble des <em>Schauspiel L\u00fcbeck<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>Auch wenn es am Grazer Theater jetzt gut f\u00fcr mich l\u00e4uft, ich will, besser, muss, nach zwei Jahren \u00d6sterreich unbedingt nach Deutschland zur\u00fcck kehren. Ich halte es in Graz nicht mehr aus. Der Dramaturg Joachim Klement versucht, mich zum Bleiben zu \u00fcberreden. Ich will trotzdem nicht mehr, ich habe keine Lust mehr, hier einer der angefeindeten \u201ePiefkes\u201c zu sein. Das soziale Klima in Graz ist f\u00fcr einen Deutschen, der dort arbeitet, nicht sonderlich angenehm: die meisten Grazer sehen ihn seinerzeit als Eindringling und verhalten sich entsprechend. Als Klement realisiert, dass mein Entschluss unumst\u00f6\u00dflich ist, vermittelt er mich ans Schauspiel L\u00fcbeck. Nach einem Vorsprechen dort, werde ich engagiert.<\/em><\/p>\n<p><strong>Unter anderem:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Orest<\/strong> <strong>in \u201eIphigenie auf Tauris\u201c von Goethe, Regie: Klaus Hemmerle<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein fantastischer Text von Herrn Goethe. Aber wie soll man das spielen? Der Abend wird schlie\u00dflich\u00a0 angemessen statisch. Wenigstens wir Schauspieler ernten gute Kritiken.<\/em><\/p>\n<p><strong>Sandy<\/strong> in der deutschsprachigen Erstauff\u00fchrung von <strong>\u201e Berlin Bertie\u201c von Howard Brenton, <\/strong><strong>Regie: Gerhard Willert<\/strong><\/p>\n<p><em>Dieser Willert hat es mir sofort angetan. Die Proben mit ihm sind witzig und lustvoll, das \u201eSt\u00fcck- Ensemble\u201c zieht an einem Strang. W\u00e4hrend der Leseproben feilen wir gemeinsam an der \u00dcbersetzung , Willert spricht ein exzellentes Englisch. Die Auff\u00fchrung wird gro\u00dfartig und wirklich komisch, trotz der sehr ernsten Themen des St\u00fccks (u.a.: die Bespitzelung in privaten Beziehungen im Staatsauftrag der DDR). Wir haben zeitgleich mit dem Deutschen Theater Berlin die deutschsprachige Erstauff\u00fchrung des St\u00fccks. <strong>Theater Heute <\/strong>bedenkt uns mit einer Hymne, wir schaffen es bis ins Jahresheft des Magazins, als eine der Auff\u00fchrungen des Jahres.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><strong>Der Hanullmann in \u201eDer Hanullmann\u201c von Christian Ebert, Regie: Andreas von Studnitz<\/strong><\/p>\n<p><em>Als Reaktion auf die ausl\u00e4nderfeindlichen Krawalle, die Ausschreitungen und die m\u00f6rderische Brandstiftung an der Asylbewerber- Unterkunft\u00a0 in Rostock-\u00a0 Lichtenhagen, hat das Theater beschlossen, in der neuen Spielzeit das Solost\u00fcck \u201eDer Hanullmann\u201c, eine Art Psychogramm eines Neonazis, auf den Spielplan zu nehmen. Der Text passt zum Thema, ist ganz witzig, aber wenig strukturiert. Die Wahl f\u00e4llt auf mich. Ich soll das spielen. Regie f\u00fchrt der neben Willert zweite Hausregisseur, Andreas von Studtnitz. Wir sind uns vielleicht nicht gerade sympathisch. Aber wir kommen gut miteinander klar &#8211; und es gelingt ein letztlich \u00fcberzeugender Abend. Allerdings f\u00e4llt gegen Ende der Spielzeit eine Entscheidung, die ich nicht akzeptieren will: Gerhard Willert wird <strong>nicht<\/strong> der zuk\u00fcnftige Oberspielleiter am Schauspiel L\u00fcbeck. Ich bitte den Intendanten, Dietrich von Oertzen, um vorzeitige Vertragsaufl\u00f6sung und verlasse das Theater nach nur einem Jahr wieder.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><strong><em>1993\/ 1994<\/em><\/strong><strong><em><\/em><\/strong><em><\/em><\/p>\n<p><em>frei arbeitend, unter anderem bei den <strong>Hersfelder Festspielen <\/strong>und am <strong>Fritz- Remond- Theater<\/strong> in Frankfurt am Main. Bis mich schlie\u00dflich Rolf Idler, mit dem ich in Wilsons \u201eK\u00f6nig Lear\u201c gespielt habe, in Daniel Benois Schiller-Inszenierung der \u201e <strong>R\u00e4uber<\/strong>\u201c als <strong>Roller<\/strong> auf der B\u00fchne der Hersfelder Stiftsruine sieht und mich daraufhin dem Darmst\u00e4dter Schauspieldirektor, Urs Schaub, empfiehlt. Ich spreche einige Male vor, Schaub besucht eine lausige Auff\u00fchrung mit mir am Remond-Theater, l\u00e4sst sich aber nicht abschrecken. Er bietet mir einen festen Vertrag an und er\u00f6ffnet mir, dass ich\u00a0 Romeo in \u201eRomeo und Julia\u201c von Shakespeare spielen soll.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><strong>1994 bis 1996<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong><strong>Im Ensemble des <em>Staatstheater Darmstadt<\/em><\/strong>. <strong>Unter anderem:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Romeo<\/strong> <strong>in \u201eRomeo und Julia\u201c von Shakespeare, Regie: Urs Schaub<\/strong><\/p>\n<p><em>Diese Auff\u00fchrung wird \u00fcber 50 Mal ausverkauft gespielt und erh\u00e4lt auch\u00a0 \u00fcberregional Beachtung. Naomi Krauss als Julia und ich als Romeo werden in <strong>Theater Heute <\/strong>als \u201eerstaunliche Spieler\u201c hervor gehoben. Meiner Meinung nach verdanken wir unseren Erfolg in erster Linie der wahnsinnig guten \u00dcbersetzung von Thomas Brasch, die den Text auf geniale Weise ins Heute transportiert.<\/em><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>Andreas Kragler<\/strong> <strong>in \u201eTrommeln in der Nacht\u201c von Brecht, Regie: Tobias Lenel<\/strong><\/p>\n<p><em>Vielleicht eine meiner konsequentesten schauspielerischen Arbeiten, die mir dar\u00fcber hinaus eine hymnische Kritik in der <strong>FAZ<\/strong> einbringt.<\/em><em><\/em><\/p>\n<p><em><\/em><strong><\/strong><em>Andreas Kragler und Romeo haben mich ins Blickfeld des Schauspiel Frankfurt gebracht. Der Intendant Peter Eschberg bietet mir an, in sein Ensemble zu wechseln.\u00a0 <\/em><\/p>\n<p><strong>1996 bis 1998<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>Im Ensemble des <em>Schauspiel Frankfurt<\/em>. Unter anderem:<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><strong>La Fleche<\/strong> <strong>in \u201eDer Geizige\u201c von Moliere, Regie: Hans Falar<\/strong><\/p>\n<p><em>Hier beginnen die Proben bereits vor der Sommerpause 1996. Der sp\u00e4t berufene, hochtalentierte, aber mitunter auch leicht zerst\u00f6rerische Wiener Regisseur Hans Falar h\u00e4lt ein gro\u00dfes St\u00fcckensemble in Atem, das (Angst-) schwei\u00dfgebadet auf der gro\u00dfen B\u00fchne nach Rettung sucht. Meine erste Rolle dort ger\u00e4t zu einem kleinen Albtraum. Die Proben sind nervenaufreibend&#8230;\u00a0 Das Ergebnis aber ist am Ende akzeptabel &#8211; und niemand wird gezwungen, danach den Beruf aufzugeben. Kleine Notiz am Rande: als La Fleche muss ich unter dem Rock der Frosine herumkriechen und sie unsittlich traktieren. Frosine spielt die wunderbare Ingeborg Engelmann, die schon zu meiner Zeit an der Frankfurter Hochschule dort eine hoch gesch\u00e4tzte Schauspiel-Dozentin ist. Ich bin also, wie man sich denken kann, leicht gehemmt, diese gro\u00dfartige und auch schon etwas \u00e4ltere Schauspielerin unsittlich zu ber\u00fchren. In einer Probenpause nimmt sie mich schlie\u00dflich beiseite, setzt sich mit mir in die Sonne auf eine Bank und fordert mich auf, ihre Br\u00fcste fest in die H\u00e4nde zu nehmen&#8230;. Ich tue es schlie\u00dflich. Sie sagt nur: \u201eNa also, geht doch ..\u201c\u00a0 Ich bin ihr unendlich dankbar &#8211; und von da an ist das Eis gebrochen. Wenngleich ich sp\u00e4ter, w\u00e4hrend der Vorstellungen, jede versaute Ber\u00fchrung der Frosine mit kr\u00e4ftigen Fu\u00dftritten der Engelmann und vielen blauen Flecken bezahlen muss. Mir erscheint das nur gerecht.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><strong>Estragon in \u201eWarten auf Godot\u201c von Beckett, Regie: Tom K\u00fchnel, Robert Schuster<\/strong><\/p>\n<p><em>Wir spielen diesen gro\u00dfen Text in einem kleinen einsamen Gebirge, das der B\u00fchnenbildner Jan Pappelbaum auf die B\u00fchne gezaubert hat. Wir agieren darin wie in einem Puppenspiel, als \u00fcberdimensionierte, in zweieinhalbst\u00fcndiger Maskensitzung um 50 Jahre gealterte, Figuren eines absurden und komischen Theaters. Die Kritik wei\u00df diesen originellen Abend nicht unbedingt zu sch\u00e4tzen, aber beim Publikum wird er ein gro\u00dfer Erfolg.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><em><\/em><strong><em>Biff in \u201eTod eines Handlungsreisenden\u201c von Miller, Regie: Karl Welunschek<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em><\/em><em>Was f\u00fcr ein Geschenk, dieses wunderbare St\u00fcck, diese wunderbare Rolle!<\/em><\/p>\n<p><em>Und, ohne es vorher auch nur zu erahnen, was f\u00fcr ein Geschenk, dieser Regisseur!<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><em>Ich kenne Welunschek aus einer vorangegangenen Arbeit am Schauspiel Frankfurt:<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eDie lustigen Weiber von Windsor\u201c von Shakespeare (sein vielleicht schlechtestes St\u00fcck). Ein erlesenes Schauspieler-Ensemble versucht, in einem auf vier Stunden zerdehnten Abend, lustig seine Haut zu retten, auch ich. Trotzdem sch\u00e4tze ich Welunschek. Er tut wenigstens nicht so, als wolle er mit diesem schwachen Text gro\u00dfartig etwas erz\u00e4hlen.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><em>Jetzt also \u201eDer Handlungsreisende\u201c mit ihm. Ich freue mich sehr drauf. Nicht zuletzt, weil ich wei\u00df, Welunschek wird mich einfach meine schauspielerische Arbeit tun lassen. Dann ein Vorbereitungstreffen mit ihm und meinem St\u00fcckbruder Nicolas von Wackerbarth (Happy). Nicolas ist als Anf\u00e4nger ans Schauspiel K\u00f6ln gegangen, zu G\u00fcnther Kr\u00e4mer. Nun, nach zwei Jahren K\u00f6ln, schlie\u00dft er sich dem Ensemble des Schauspiel Frankfurt an. Wir schlendern zu dritt \u00fcber eine Br\u00fccke Richtung Sachsenhausen. Welunschek fragt mich, ob ich Fragen zum St\u00fcck oder meiner Rolle habe? Ich sage, \u201enein.\u201c Nicolas ist irritiert. Er versucht etwas zu erfragen, seine Ideen zu \u00e4u\u00dfern. Er sucht meinen Blick&#8230; Welunschek schweigt, so wie ich. Diese schweigsame Gelassenheit macht Nicolas v\u00f6llig fertig. Er beschlie\u00dft, einfach zu lachen \u00fcber das absurde (Nicht-) Gespr\u00e4ch.<\/em><\/p>\n<p><em>Rudolph Donath (ehemaliger Theater-Star aus Dresden) k\u00e4mpft sich durch seinen Willy Lohmann. Wir proben f\u00fcr die Kammerspiele, sein Ton passt anfangs eher in die Frankfurter Oper. Aber, nicht zuletzt, aufgehoben und aufgefangen durch die wunderbare Evelyn Krietzsch-Matzura, die Linda spielt, findet er seinen pers\u00f6nlichen Handlungsreisenden und spielt ihn am Ende tats\u00e4chlich gro\u00dfartig und ber\u00fchrend. Mein \u201eBruder\u201c Nicolas und ich finden schnell zueinander. Wir haben gro\u00dfen Spa\u00df, lachen sehr viel w\u00e4hrend der Proben. Welunschek beobachtet nur, stellt Fragen, korrigiert\u00a0 sanft. Er ist ein Freund der Schauspieler und der pers\u00f6nlichen (kreativen) Freiheit. Er schaut aufmerksam und gut zu. Er\u00a0 f\u00fcrchtet sich nicht vor \u00dcberraschungen. Einmal, als ich w\u00e4hrend einer Probe nicht versuche, eine Szene richtig zu spielen, sondern alles nur unter einem bestimmten Aspekt behandle, fragt er mich irritiert: \u201eJens, was spielst Du denn da?\u201c Ich sage ihm, dass ich nur mal etwas ausprobieren musste. Er sagt lediglich: \u201c ach so.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Der Abend schie\u00dft in Frankfurt durch die Decke und wird zum Ereignis. Niemand hat damit gerechnet. Ich habe allerdings noch vor der Premiere meinen Vertrag am Schauspiel Frankfurt gek\u00fcndigt, weil ich ahne, dass dieser Abend T\u00fcren f\u00fcr mich \u00f6ffnen wird, durch die ich gehen m\u00f6chte. Und tats\u00e4chlich, die <strong>Frankfurter Rundschau<\/strong> widmet mir ein ganzseitiges Portrait. Der Theater-und Filmkritiker Wilhelm Roth schreibt einen unglaublich sch\u00f6nen Text \u00fcber mich und meine Arbeit&#8230;Es folgen interessante Film- und Fernsehangebote, die neue Perspektiven er\u00f6ffnen.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><strong><em>Nick<\/em><\/strong><em> <strong>in \u201eWer hat Angst vor Virginia Woolf\u201c von Albee, Regie: Hans Falar<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><\/em><em>ist meine vorerst letzte Frankfurter Arbeit. Mit Hans Falar habe ich diesmal relativ entspannte Proben. Fritz Praetorius, der den George spielt, ist f\u00fcr mich ein Naturereignis auf der B\u00fchne. Ich genie\u00dfe es sehr, mit ihm zu spielen. Er ist nie berechenbar, aber immer von gro\u00dfer Intensit\u00e4t. Der Abend gef\u00e4llt mir!<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><strong><em>1998\/ 99<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Cornwall in \u201eLear\u201c von Shakespeare, Regie: Dimiter Gottscheff\/ <\/strong><strong><em>Deutsches Schauspielhaus Hamburg<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em><\/em><em>Ich fahre nach Hamburg. Dimiter Gotscheff sucht einen Cornwall f\u00fcr seine \u201eLear\u201c-Inszenierung. Wir treffen uns in der Theaterkantine. Mitko, so nannte man Gotscheff, und ich. Das Gespr\u00e4ch verl\u00e4uft r\u00e4tselhaft. Mitko fragt mich schlie\u00dflich, wie wir es machen sollen. Ich sage: \u201cwir schauen uns tief in die Augen&#8230;und dann arbeiten wir zusammen.\u201c Wir lachen und er ist einverstanden. Meine erste Probe beginnt&#8230;&#8230;Bierbichler (Lear) soll sp\u00e4ter dazu kommen. Wir (Regan und Cornwall) performen uns an der schwarzen R\u00fcckwand der Probeb\u00fchne entlang, sexualisiert und elastisch. Es hat etwas, aber ich f\u00fchle mich nicht besonders wohl, bin unsicher, ob das etwas erz\u00e4hlt. Bierbichler hat sich raubkatzenhaft in den Raum geschlichen, wie in seine Rollen, denke ich. Er fragt Mitko, ob das, was er da sehe, Mitkos Ernst sei. Da w\u00fcrde er erst gar nicht auftreten, wenn wir das so spielten. Mitko ist bedient. Zu allem \u00dcberfluss pflichte ich (wahrscheinlich zu Unrecht) meinem alten Idol (Bierbichler) bei: ich f\u00e4nde das auch nicht so toll. Erste Probe \u00fcberhaupt &#8211; und schon Feierabend mit der ganzen Produktion im Grunde. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Probenzeit. Mitko und Bierbichler setzen sich gegenseitig Schachmatt und alle anderen Akteure auf der B\u00fchne gehen ein wie kleine Primeln. Die Premiere an einem Sonntag Abend wird entsprechend desastr\u00f6s und \u00f6d&#8230;Wie schade. Denn ich finde dieses Theater, Gotscheff und Bierbichler&#8230;eigentlich gro\u00dfartig.<\/em><\/p>\n<p><em><\/em><strong>2001<\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong><strong>Hauptrolle in \u201eJeff Koons\u201c von Rainald Goetz, Regie: Christian Pade\/ <em>Schauspiel Frankfurt<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em>T<\/em><em>ats\u00e4chlich wieder das Schauspiel Frankfurt. Die Hauptrolle im Kinofilm \u201e<strong>Der tote<\/strong> <strong>Taucher im Wald<\/strong>\u201c (von Marcus O. Rosenm\u00fcller) hat mir etwas Ruhm beschert. Das Schauspiel Frankfurt holt mich zur\u00fcck ans Haus. Den Regisseur Christian Pade treffe ich zwischen zwei Drehterminen im Bahnhofsrestaurant des Frankfurter Hauptbahnhofs. Wir haben keine Stunde Zeit, uns ein wenig kennen zu lernen. Aber wir sind uns sofort sympathisch und ich habe Vertrauen in ihn. Wir verabreden die Zusammenarbeit. Es ist dann tats\u00e4chlich ein tolles Ensemble beisammen, u.a. die wunderbare Anika Kuhl und die nicht minder wunderbare Magdalene Artelt&#8230;Ich segle durch die fantastischen Textberge, die man mir zugedacht hat.<\/em><\/p>\n<p><em>Der Abend ist nur in seinen zu statischen \u00dcberg\u00e4ngen nicht so stark, ansonsten ist er sch\u00f6n schr\u00e4g und abgefahren, so wie der grelle Text von Rainald Goetz es verlangt!<\/em><em><\/em><\/p>\n<p><strong><em><\/em><\/strong><strong><em><\/em><\/strong><strong><em>2005 bis 2009 als Gast am Deutschen Theater Berlin<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><em><\/em><\/strong><strong>Biff in \u201eTod eines Handlungsreisenden\u201c von Miller, Regie: Dimiter Gottscheff\/ <\/strong><strong><em>Deutsches\u00a0 Theater Berlin<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong><\/strong><strong><\/strong><em>Es muss kurz vor 10 Uhr morgens sein. Ich habe seit vier Jahren mit dem Theater quasi nichts mehr zu tun, als mein Telefon mehrmals hintereinander ausdauernd klingelt. Ich bin nach einer Geburtstagsfeier am Vorabend schwer verkatert und gehe einfach nicht ran. Als es zum f\u00fcnften Mal klingelt, k\u00e4mpfe ich mich aus dem Bett. Es scheint dringlich zu sein. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Deutschen Theaters Berlin, Klaus Steppat, kommt sofort zur Sache: \u201e Jens, wen hast Du im \u201eHandlungsreisenden\u201c gespielt in Frankfurt, Biff oder Happy?\u201c Ich antworte: \u201eBiff.\u201c \u201eOK, ich ruf Dich sofort wieder an.\u201c<\/em><strong><\/strong><\/p>\n<p><em>Zwei Minuten sp\u00e4ter ist er wieder an der Strippe: ob ich am Abend im Deutschen Theater den Biff \u00fcbernehmen k\u00f6nne, die Vorstellung sei ausverkauft und Robert Galinowski erkrankt. Ich sage ihm, dass ich das machen k\u00f6nne, dass ich aber nicht glaube, dass Gotscheff (der Regisseur des Abends) das auch wollen w\u00fcrde, ich h\u00e4tte mich beim \u201eLear\u201c in Hamburg nicht besonders gut mit ihm verstanden. Wir legen wieder auf. Mir wird mulmig. Ich habe seit vier Jahren auf keiner Theaterb\u00fchne mehr gestanden. Das Telefon l\u00e4utet erneut. Steppat sagt, Mitko sei einverstanden, ich m\u00fcsse aber, bevor ich ins Theater komme, erst zu Mitko in die Volksb\u00fchne fahren, wo dieser gerade probe, er wolle mich vorher noch sprechen. Nach einer Blitzdusche sitze ich im Taxi von Charlottenburg Richtung Mitte, zur Volksb\u00fchne. Als ich den Zuschauerraum betrete, sind Samuel Finzi und er gerade in ein leises intensives Gespr\u00e4ch vertieft. Mir l\u00e4uft die Zeit bis zum Abend davon, ich muss die Aufzeichnung des Handlungsreisenden noch ansehen und mich dann mit dem Text wieder vertraut machen und mit der Strichfassung dieser Auff\u00fchrung. Um 17 Uhr soll eine B\u00fchnenprobe stattfinden und um 19 Uhr 30 die Auff\u00fchrung. Mitko tut so, als h\u00e4tte er mein Kommen gar nicht bemerkt. Ich setze mich in die 10te Reihe Mitte und stelle mein Handy auf lautlos. Ich atme durch. Mitko schlendert jetzt in die 9te Reihe und setzt sich in den Stuhl, der um eins versetzt vor meinem steht. Er spricht \u00fcber die Schulter zu mir. Er fragt mich, wo ich Biff gespielt habe? \u201eFrankfurt\u201c, antworte ich. \u201eWelcher Regisseur?\u201c \u201eKarl Welunschek.\u201c \u201eKenne ich nicht.\u201c \u201eWar eine gute Auff\u00fchrung!\u201c \u201eAha.\u201c Er sieht mir kurz in die Augen: \u201eUnd Du w\u00fcrdest das machen?\u201c Dabei schaut er leicht mitleidig, ungef\u00e4hr so, wie man auf einen liebenswerten kleinen Idioten schaut. \u201eJa klar\u201c, sage ich, \u201e ich gebe nat\u00fcrlich mein Bestes.\u201c Er t\u00e4tschelt kurz meine Wange: \u201ena dann..\u201c Er wendet sich wieder seinen Proben zu. Ich verlasse leicht l\u00e4diert den Zuschauerraum. Nicht nur, dass ich von der letzten Nacht her diesen m\u00e4chtigen Kater mit mir herum schleppe, der erste Lohn f\u00fcr mein spontanes Einspringen, das mir hier noch alles andere als vern\u00fcnftig erscheint, ist ein abf\u00e4lliges Wange t\u00e4tscheln von Mitko, das mich nichts als wertvolle Zeit gekostet hat. Gro\u00dfartig. Ich sitze wieder im Taxi, jetzt Richtung DT. Die Assistentin gibt mir die Textfassung des Abends. Ich schaue mir die Videoaufzeichnung der Auff\u00fchrung an. Alles ziemlich statisch, also nicht zu viel zu merken auf die Schnelle. Die Probe um 17 Uhr auf der B\u00fchne schnurrt nur so durch, alle machen es mir leicht, Christian Grashoff, Margit Bendokat, Stephan Kaminsky. Kurz vor Auff\u00fchrungsbeginn gehe ich im Kost\u00fcm zum Pinkeln. Es tropft nach und hinterl\u00e4sst einen kleinen Fleck auf der Hose. In der Garderobe f\u00f6hne ich den gerade trocken, als Bernd Wilms ,der Intendant, nach kurzem Klopfen einfach herein tritt. Wie gesagt, ich f\u00f6hne gerade meinen Schritt. Eine kurze irritierte Verlegenheit entsteht. Dann beschlie\u00dft er wohl, den Vorgang f\u00fcr ein pers\u00f6nliches B\u00fchnenritual von mir zu halten und spuckt mir \u00fcber die Schulter:\u201c Toi Toi Toi.\u201c Die Vorstellung l\u00e4uft wunderbar. Diese Rolle lebt immer noch in mir, obwohl ich sie seit 1998 nicht mehr gespielt habe&#8230;.Das Publikum im ausverkauften Haus feiert am Ende die Auff\u00fchrung und spart auch mir gegen\u00fcber nicht mit lautem Bravo. Ich bin vollkommen erledigt&#8230;..\u00a0 <\/em><\/p>\n<p><em>Den Abend feiere ich in der Kantine. Mehr oder minder alleine. Ich realisiere erst langsam, dass ich nat\u00fcrlich der einzige weit und breit bin, der hier heute eine Premiere hatte. Einen Tag sp\u00e4ter ruft mich Bernd Wilms an, die n\u00e4chste Vorstellung des \u201eHandlungsreisenden\u201c steht unmittelbar bevor und der Kollege ist immer noch krank. Meine \u00dcbernahme sei ja gut gelaufen, befindet er, aber die n\u00e4chste, \u00fcbermorgen, solle ich doch ohne Textbuch, also auswendig, spielen. Ich sage ihm, dass das kein Problem sei. Es ist tats\u00e4chlich keines: ich habe diesen Text seinerzeit in Frankfurt f\u00f6rmlich eingeatmet, er ist sofort wieder pr\u00e4sent gewesen w\u00e4hrend meiner \u00dcbernahme. Aber ich bin ein wenig entt\u00e4uscht: statt eines Lobs, gleich die Formulierung eines Anspruchs, der mich sogleich in die n\u00e4chste Klemme bringt. Denn wenig sp\u00e4ter folgt der Anruf von Christian Grasshoff (Willy Lohmann im \u201eHandlungsreisenden\u201c). Er bittet mich, auch die n\u00e4chste Vorstellung mit Buch in der Hand zu spielen&#8230;, ansonsten w\u00fcrde er nicht auftreten k\u00f6nnen. Ich bin \u00fcberrascht von dieser Ansage. Aber ich verstehe nat\u00fcrlich, dass da nicht einfach einer von au\u00dfen kommen darf , der, ohne Bestandteil des vorangegangenen Probenprozesses gewesen zu sein,\u00a0 so tut, als sei er integraler Bestandteil der Inszenierung. Vielleicht will er mir auch nur den Druck nehmen.\u00a0 Es folgt der Anruf von Michael De Vivie, dem k\u00fcnstlerischen Betriebsdirektor, den ich noch vom Hamburger Schauspielhaus kenne. Er teilt mir meine n\u00e4chste B\u00fchnenprobe f\u00fcr den \u201eHandlungsreisenden\u201c mit:\u201c&#8230;morgen 17 Uhr&#8230;Mitko kommt auch!\u201c Dieser Satz ist ein Schlag in meinen Magen. \u201eProbe mit Mitko, Schei\u00dfe!\u201c Ich wei\u00df genau, was mir bl\u00fcht. Er wird sich an mir r\u00e4chen. F\u00fcr seinen Hamburger \u201eLear!\u201c Ich beschlie\u00dfe, es \u00fcber mich ergehen zu lassen. Mitko inszeniert mich mit dem Textbuch in meiner Hand. Ich soll es als schweren, meine Existenz bestimmenden und sie symbolisierenden Stein bespielen und dabei Biffs Texte aus meinen Eingeweiden br\u00fcllen&#8230;Keine Zwischent\u00f6ne, keine Differenzierungen. Als h\u00e4tte ich tats\u00e4chlich w\u00e4hrend des Hamburger \u201eLear\u201c Schuld auf mich geladen, trage ich diesen Stein wie ein reuiger S\u00fcnder und trage gleich Mitkos ganzes \u201eHamburger- Lear- Versagen\u201c in diesem Moment mit. Dann ist es endlich vorbei. Aber Mitko droht an, w\u00e4hrend der Vorstellung zu bleiben. Ich wei\u00df nicht, was ich machen soll? Ich finde so ziemlich alles, was er f\u00fcr diesen Abend von mir will, na ja,&#8230; Schei\u00dfe. Nur in einer Szene nicht, da ist das schwere M\u00fchlstein- Textbuch richtig gut. Klaus Steppat ruft mich kurz vor Vorstellungsbeginn an: \u201eJens, alles in Ordnung?\u201c \u201eNein, nichts ist in Ordnung. Mitko will lauter Zeugs von mir, das ich bl\u00f6d finde&#8230;Und dann will er auch noch w\u00e4hrend der Auff\u00fchrung bleiben&#8230;Dabei lief die erste \u00dcbernahme- Vorstellung gro\u00dfartig&#8230;Mir wird schon etwas einfallen&#8230;\u201c F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter steht der her\u00fcber geeilte Chef- Dramaturg, Oliver Reese, vor mir. Ich bin in den Garderoben- Flur gefl\u00fcchtet. \u201eWas ist los?\u201c, fragt er. \u201eKlaus sagt, Du seist durcheinander!?\u201c Ich erkl\u00e4re es ihm kurz. Noch 10 Minuten bis zum Vorstellungsbeginn. Er h\u00f6rt mir verst\u00e4ndnisvoll zu, versucht, mich zu beruhigen. Dann f\u00fchrt er pl\u00f6tzlich aus, dass es ja klar sei, wenn Mitko mit einem Schauspieler richtig arbeiten w\u00fcrde, dass der Schauspieler dann erst einmal\u00a0 aufgew\u00fchlt und durcheinander sei..Na, vielen Dank. Gl\u00fccklicherweise hat Chrisian Grasshoff, der nerv\u00f6s durch die G\u00e4nge irrt, einen Teil unseres Gespr\u00e4chs mit geh\u00f6rt. Er ruft mir aus einigen Metern Entfernung laut zu: \u201eJens, Du spielst, was Du willst! Das ist wunderbar, wie Du das machst!\u201c Reese schaut verbl\u00fcfft. Er w\u00fcnscht mir eine gute Vorstellung. Es folgt der letzte Einruf. Mitko tritt vor den Vorhang. Er erkl\u00e4rt dem ausverkauften Haus die \u00dcbernahme des Biff durch mich. Dann geht der Vorhang endlich hoch. Ich sp\u00fcre ihn noch gut 10 Minuten in der N\u00e4he des Inspizienten- Pults, dann verschwindet er&#8230; endlich&#8230;.Das Publikum feiert die Auff\u00fchrung wieder&#8230;auch mich.<\/em><\/p>\n<p><em>Einen Tag vor der n\u00e4chsten Vorstellung erneut ein Anruf von Michael De Vivie:\u201c17 Uhr, Probe mit Mitko.\u201c Diesmal bin ich nicht geschockt. Ich denke mir:\u201c O.K., jetzt sind wir quitt.. und, diesmal lasse ich mich nicht qu\u00e4len.\u201c (Obwohl ich immer noch nicht wei\u00df, was ich ihm eigentlich angetan habe) Die Probe verl\u00e4uft v\u00f6llig anders als die erste, Mitko ist pl\u00f6tzlich milde. Wir werden uns schnell einig, wie der Abend mit Biff verlaufen soll heute. Ich gehe entspannt in die Vorstellung.<\/em><\/p>\n<p><em>Vor dem n\u00e4chsten Auff\u00fchrungstermin kommt wieder der Anruf von Michael De Vivie: \u201e17 Uhr, Probe mit Mitko.\u201c Ich erkl\u00e4re ihm kurz, dass ich nicht mehr proben werde und das Buch auch nicht mehr mit auf die B\u00fchne nehme. Wenig sp\u00e4ter ruft Mitko mich an: \u201eHabe geh\u00f6rt, Du willst nicht mehr proben?!\u201c \u201eNein, Mitko, es ist doch jetzt alles klar.\u201c \u201eHabe geh\u00f6rt, Du willst ohne Buch spielen?!\u201c \u201eJa, Mitko, das wird doch langsam albern mit dem Buch, ich kenne den Text in und auswendig, ich f\u00fchle mich frei und will frei spielen.\u201c Kurzes Schweigen. \u201eViel Gluck.\u201c Dann legen wir auf. Er hat tats\u00e4chlich \u201eGluck\u201c gesagt und nicht Gl\u00fcck. Und das finde ich ehrlich gesagt ziemlich witzig und liebenswert.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich spiele noch ein paar Vorstellungen \u201eHandlungsreisender\u201c ( frei). Dann ist der Kollege wieder gesund und ich gebe die Rolle an ihn zur\u00fcck.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><em>Ich wei\u00df nicht, ob ich so gro\u00dfen Eindruck gemacht habe, aber man bietet mir die n\u00e4chste \u00dcbernahme an, diesmal dauerhaft und mit 2 Wochen richtigen Proben.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Beaumarchais in \u201eClavigo\u201c von Goethe<\/em><\/strong><em>. <strong>Regisseur<\/strong> ist der absolut verr\u00fcckte <strong>Martin<\/strong> <strong>Pfaff<\/strong>. Die Proben mit ihm und den Kollegen machen Spa\u00df. Ich spiele die Auff\u00fchrungen danach sehr gerne!<\/em><\/p>\n<p><em>Es folgen noch \u201e<strong>Tartuffe<\/strong>\u201c, \u201e<strong>Die Physiker<\/strong>\u201c, \u201c<strong>Nachtlieder<\/strong>\u201c (mein eigenes Songprogramm) und eine einmalige \u00dcbernahme in \u201e<strong>Alice<\/strong>\u201c, ehe meine Zeit, wie die von Bernd Wilms und Oliver Reese, am Deutschen Theater <strong>2009<\/strong> vorerst endet und erst <strong>2016<\/strong> mit \u201e<strong>2 Uhr 14<\/strong>\u201c eine Fortsetzung findet.<\/em><\/p>\n<p><em>Von <strong>1988 bis heute<\/strong> gab es zahlreiche weitere Rollen in interessanten Theaterarbeiten, die ich hier nicht ausf\u00fchrlich beschreiben oder w\u00fcrdigen konnte. Aber ich m\u00f6chte einige der Regisseure noch erw\u00e4hnen, mit denen ich dabei zusammen gearbeitet habe: <strong>Peter Palitzsch, Marco Bernardi, Ellen Hammer, Kai Hensel, Daniel Benoir, Peter Lotschak, J\u00fcrgen Tamchina, Wolfgang Deichsel, Martin Eickel, Bettina Grack, Peter Eschberg, Robert Schuster, Annette Ku\u00df.<\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2019 Henslowe in der Wiederaufnahme der deutschprachigen Erstauff\u00fchrung von &#8222;Shakespeare in Love&#8220; von Marc Norman, Tom Stoppard\/ Bad Hersfelder Festspiele. Regie: Antoine Uitdehaag Salam in \u201eAleppo. A Portrait of Absence.\u201c von Mohammad Al Attar\/ Festival Theaterformen, Staatsschauspiel Hannover. Regie: Mohammad Al Attar, Omar Abusaada 2018 Henslowe in der deutschprachigen Erstauff\u00fchrung [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/xn--jensschfer-w5a.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/70"}],"collection":[{"href":"http:\/\/xn--jensschfer-w5a.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/xn--jensschfer-w5a.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/xn--jensschfer-w5a.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/xn--jensschfer-w5a.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=70"}],"version-history":[{"count":12,"href":"http:\/\/xn--jensschfer-w5a.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/70\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":371,"href":"http:\/\/xn--jensschfer-w5a.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/70\/revisions\/371"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/xn--jensschfer-w5a.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=70"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}